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Worum geht’s eigentlich?

Diese Frage stellen wir uns sicher alle von Zeit zu Zeit, und das in den vergangenen anderthalb Jahren wohl einmal öfter als sonst. Und manchmal führt die Suche nach einer Antwort zu weiteren Fragen. In diesem Fall: Was ist wichtig? Worüber machen wir uns Gedanken? Was beschäftigt, was bewegt uns? Was hat Relevanz?

Für unsere Fotografinnen und Fotografen zählt ganz sicher schon mal eines: das Visuelle. Also beschlossen wir bei SOLAR UND FOTOGRAFEN Anfang des Jahres, die Antworten auf diese Fragen in einem Magazin zu geben. Allerdings nicht mit dem 100.000. Werbefoto bestückt, sondern mit authentischen Bildern und mit Themen, die individuell relevant sind. Knapp neun Monate später steht das Ergebnis.

Bis zur letzten Minute wurde hier und da gefeilt, diskutiert und kritisiert, um einzelne Worte gerungen, Bilder wurden ausgetauscht und ein Titel gesucht. Manche Strecken sind sehr persönlich, andere einzelne Kunstwerke. Einige Beiträge sind gesellschaftliche Themen, andere richten den Fokus auf das eigene Leben. Manche Fotografen wagen es, sich bildgestalterisch in andere Gefilde zu begeben, andere bleiben ihrem eigenen Stil treu. Was alle Arbeiten verbindet: Sie sind mit viel Engagement und Herzblut entstanden und sie sind von Relevanz.

Dies ist ein Einblick hinter die Kulissen von SOLAR UND FOTOGRAFEN, hinter das Schild mit den großen Buchstaben und mal weg vom Werbealltag. Wir laden Euch ein. Nehmt Euch einen Augenblick. Seht und lest, worum es den Fotografinnen und Fotografen Walter Glöckle, Jens Neumann und Edgar Rodtmann, Karsten Wegener, Volker Wenzlawski, Arthur Mebius, Lina Grün, Anne Deppe, Christian Kerber, Jonas Nefzger und Florian Büttner eigentlich geht.

 

EINHUNDERT EURO / Karsten Wegener

Jedes der Motive zeigt Produkte im Wert von 100 Euro. So offenbart sich nicht nur deren Wertlosigkeit, sondern auch die Unmenge an Produktvarianten. Brauchen wir wirklich 54 Sorten gesalzene Kartoffelchips? Warum muss es 39 verschiedene Paare grüne Plastikclogs geben?

Porträts des Überflusses.

 

MÜLL IN GORLEBEN  / Volker Wenzlawski

“Frage ich Leute in meinem Bekanntenkreis, was es mit Gorleben und dem Atommüll auf sich hat, erinnern sich fast alle an die Castortransporte. Kein Wunder: Die insgesamt 13 Überführungen von 1995 bis 2011 fanden unter massiven Protesten von Atomkraftgegner:innen statt. Bis zu 30.000 Polizist:innen waren zur Sicherung eingesetzt
und spektakuläre Bilder gingen durch die Medien.

Dass im Gorlebener Salzstock kein einziger der 113 Castorbehälter lagert, ist dagegen weniger bekannt. Das Erkundungsbergwerk ist lediglich eine 1,6 Milliarden Euro teure unterirdische Industrieruine, die sich nicht als dauerhaftes Lager für Atommüll eignet. Im September 2020 ist der Salzstock nach über 40 Jahren Widerstand endgültig aus der Endlagersuche ausgeschieden – mit einem Argument übrigens, das schon ein erstes Gutachten von 1983 ergab: Das unterirdische Deckgebirge schützt nur unzureichend vor eindringendem Wasser.

Der hochradioaktive Abfall lagert überirdisch in einer Betonhalle. Der weitere Verbleib ist ungewiss – denn ein atomares Endlager für hochradioaktive Abfälle gibt es nicht. Weder in Deutschland noch anderswo. Eine Tatsache, die in der aktuellen Diskussion über Atomkraft als umweltfreundliche Brückentechnologie von ziemlicher Relevanz ist.

Die Fotos zeigen eine Spurensuche im Wendland, wo ein Waldweg die drei Schauplätze verbindet: Das Zwischenlager mit der besagten Halle – von Einheimischen auch „Kartoffelscheune“ genannt –, das Erkundungsbergwerk und am südlichen Ende das Gelände der ehemaligen Republik Freies Wendland. 1980 als Ort des Widerstands auf dem Erkundungsgelände 1004 gegründet, wurde das Dorf nach 33 Tagen von 3.500
Polizeibeamten geräumt, anschließend planiert und für die Erkundungsbohrung asphaltiert.

Heute sind hier nur noch die Asphaltflächen und ein vernachlässigter Kiefernwald zu sehen. An der Oberfläche. Darunter finden sich noch immer Zeitzeugen: Der Neuzeitarchäologe Attila Dézsi hat auf dem Areal Teile einer Hütte und eine Müllgrube der Polizei freigelegt. Zwei Grabungen förderten circa 450 Einzelstücke zutage. Ganz
überwiegend sind Gegenstände der polizeilichen Einsatzkräfte gut erhalten. Meist aus Kunststoff oder anderem haltbarem Material hergestellt, haben sie die fast 40 Jahre im Boden besser überstanden als die vielfach aus organischen Materialien gefertigten Hütten und Hinterlassenschaften der Besetzer:innen.

Die grünen „Wendenpässe“ der Republik Freies Wendland werden übrigens immer noch ausgegeben. Einer der Besitzer: Edward Snowden. Das Wappen der Republik, die orangefarbene Wendlandsonne auf grünem Grund, ist bis heute ein Symbol des Widerstands.“

 

LIEBE / Walter Glöckle

Die Liebe ist in meiner Auffassung des Lebens das Relevanteste. Ich habe Paare besucht und sie im Alltag begleitet. Die Gespräche mit ihnen waren für mich eigentlich das Schönste an diesem Projekt. Ich habe nicht nur neue Menschen und deren Geschichten kennengelernt, sondern auch verschiedene Arten zu lieben.

Jedes Paar hat sich mir gegenüber sehr geöffnet, und wir haben nicht nur über schöne,  sondern auch über schwierige Momente gesprochen. Die Menschen haben mir ganz persönliche Fragen sehr ehrlich beantwortet.

Es gibt nicht nur einen Weg. Es gibt kein Normal. Jede Liebe ist anders.

Die Fotos sind bei diesen Gesprächen entstanden, ungestagt, ungestylt. Und genau das war auch mein Wunsch. Ich wollte die echten kleinen Momente aus dem Alltag finden und festhalten.

 

CLASS OF 2020 / Lina Grün

2020 ist das Jahr, in dem mein Leben von meinen eignen Plänen und nicht mehr von einem Stundenplan bestimmt wird: Abitur, das heißt raus aus der Schule und raus aus den Strukturen, die 13 von 19 Jahren meines Lebens bestimmt haben. Wohin mit all der Energie? Was anfangen mit der Freiheit, in einer voll vernetzten Welt unendlich viele Optionen zu haben, wie es jetzt weitergeht?
Das Leben als Erstsemester, die erste eigene Wohnung, das Praktikum beim Film, das Jahr in Kalifornien, oder einfach nur Zeit für mein Hobby, meine Freunde, zum Feiern, ausruhen.
All diese Pläne müssen warten. Auf Pause. Jetzt sind wir erst mal die mit dem blauen Kittel, den Vinyl-Handschuhen und den Schutzbrillen. Und wir treffen uns im Testzentrum.

 

THE BLUE MATTER / Arthur Mebius

Water comes in liquid and gas, but only in solid it tells us all state of matter and coherence in one.

 

KIPPEN / Neumann und Rodtmann

Climate tipping points — too risky to bet against.

In our view, the evidence from tipping points alone suggest that we are in a state of planetary emergency: both risk
and urgency of the situation are acute. We argue that the intervention time left to prevent tipping could already shrunk towards zero, whereas the reaction time to achieve net zero emissions is 30 years at best. Hence we might already have lost control of whether tipping happens. A saving grace is that the rate at which damage accumulates from tipping – and hence the risk posed – could still be under our control to some extend. The stability and resilience of our planet is in peril. International action – not just words – must reflect this.

Prof. Timothy M. Lenton, Prof. Dr. Johan Rockström, Owen Gaffney, Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, Prof. Katherine Richardsson, Prof. Will Steffen, Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber
Nature / November 2019

 

OH, WIE SCHÖN IST PANAMA! / Florian Büttner

Für die meisten von uns war es ein hartes letztes Jahr. Aber für meine Familie und einige meiner Freunde wäre es viel schlimmer gewesen, wenn wir nicht diesen alten Resthof gehabt hätten, in der Uckermark in Brandenburg, circa zwei Stunden nördlich von Berlin.

Was vor drei Jahren als Wochenend- und Ferienprojekt begann, ist in der Corona-Zeit zu einem Zufluchtsort in vielerlei Hinsicht geworden. Eine Art Anti-Covid-Ort, ein Anti-Lockdown-Ort.

In den ersten Monaten sind wir abwechselnd dort hingefahren, um Berlin und der Madness der ersten Corona-Monate zu entkommen. Später – als es möglich war und mithilfe von Schnelltests – haben wir uns dort auch gemeinsam getroffen, damit unsere Kinder mal wieder jemanden zum Spielen hatten. Als wir den Hof gekauft hatten, nannten wir ihn „Panama“, inspiriert von Janoschs Buch „Oh, wie schön ist Panama“ – ohne zu ahnen, dass der Ort drei Jahre später unter den Bedingungen der Pandemie zu einer Art Parallelwelt werden würde. Man merkte förmlich, wie alle, die dort hinkamen, wieder anfingen zu atmen. Keine Masken, keine Schlangen, keine Restriktionen, keine Sorgen.

Je mehr Tage man dort verbrachte, fernab der Stadt und ohne ständig mit den neuesten Corona-Zahlen konfrontiert zu werden, desto weiter weg erschien einem das Ganze.

Man vergaß es zwischendurch komplett – bis man mal wieder ins Dorf musste, um einzukaufen und dort die maskentragenden Leute vor dem Supermarkt sah.

„Panama“ hat uns in dieser Zeit zusammengeschweißt und uns auch im Hinblick auf das einfache Leben auf dem Land einiges an neuen Denkweisen mitgegeben. In einer Krise wie dieser kommt einem die vermeintliche Normalität des dichten Zusammenlebens auf engem Raum innerhalb der Betonwüste Großstadt doch hin und wieder absurd vor.

Diese Arbeit ist in zwei Wochen im Mai entstanden, als einige der Restriktionen aufgeweicht wurden und wir endlich mal wieder mit allen beteiligten Parteien dort sein konnten. Mit dem Gefühl des nahenden Sommers und dem Gefühl, jetzt vielleicht endlich wirklich aus dem Gröbsten heraus zu sein.

 

FERNWEH AUF DEM TELLER / Christian Kerber

Lange Zeit konnte ich als Reisefotograf nicht mehr reisen und als Food-Fotograf nicht mehr zum Essen in ein Restaurant gehen. Stattdessen habe ich zusammen mit dem Koch Thorsten Gillert Fotos gemacht. Jeder Teller steht für die Reise in eine bestimmte Stadt –  eine kulinarische Reise, der Geschmack als eine Erinnerung an eine Reise, eine Erinnerung an die Ferne, an fremde Gerüche und Geschmäcker.

Bewusst habe ich die Teller völlig losgelöst von einer realen Umgebung fotografiert. Es geht nicht darum, durch Styling so zu tun, als sitze man an einem Tisch in der jeweiligen Stadt. Durch die farbigen Untergründe wirken die Teller wie in einem Traum, in dem die Erinnerung an Geschmack und Geruch an einem vorbeifliegt.

 

CIRCLE / Anne Deppe

„We think it is our responsibility to embrace the power of circular economy which we believe is the only possible form of long term development.“

Julieta and Dirk / The Minimono Project

 

URBANE SCHAFZUCHT / Jonas Nefzger

Auf dem Dach des WERK3 im neu entstandenen Werksviertel-Mitte in München sorgen die Walliser Schwarznasenschafe für die Pflege der dort angelegten Grünfläche. Das Viertel steht ganz im Zeichen gelebter Nachhaltigkeit. Durch einen hyperlokalen Kreislauf, der Mensch und Natur in der Stadt wieder enger zusammenführt, entsteht eine neue wirtschaftliche, ökologische und soziale Balance.

Man wirkt der Flächenversieglung entgegen und fördert im Rahmen von Workshops der Almschule, die ebenfalls auf dem Dach des WERK3 zu Hause ist, das Thema Nachhaltigkeit in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen.

Ein Blick in die urbane Zukunft unserer Gesellschaft.